Ein neues Heim?!? für die Domstädter
Die Domstädter haben ein neues Probenhaus! Das klingt zunächst relativ unspektakulär. Bei genauerem Hinsehen stellt man aber sehr schnell fest, dass sich hinter dem profanen Standortwechsel ein neuer Standpunkt mit neuer Perspektive und neuer Ausrichtung verbirgt. Um zu erkennen was das konkret für die Domstädter bedeutet lohnt sich ein Blick auf den Anfang des Entscheidungsprozesses. Als vor eineinhalb Jahren der Entschluss gefasst wurde das alte Probenhaus zu räumen, ging es hauptsächlich darum die damalige unerträgliche Raumsituation zu verbessern. Viele können sich bestimmt noch an das alte Clubheim mit seinen vielen Millionen Bewohnern, der schönen Fensterflora im Winter und den Durchblutung fördernden Vibrationsmassagen durch die Raverparties im Untergeschoss erinnern. Aber selbst bei einer Behebung der gerade aufgezählten, euphemistisch verklärten, Widrigkeiten wurde das Clubheim schlichtweg zu klein für die wachsende Gemeinschaft der Domstädter. Denn so ein Orchester, wie es die Domstädter sind, braucht neben einem großen Probensaal auch noch weitere Räumlichkeiten zum Lagern der Uniformen, der Noten, Instrumente und so weiter. Außerdem benötigen die Domstädter einen Küchenbereich um zum Beispiel in den letzten fünf Karnevalstagen die englischen und schottischen Freunde bewirten zu können. Des Weiteren wurde das Nörgeln seitens der Dirigenten bezüglich der mangelnden Raumkapazitäten und der dadurch resultierenden eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten von Proben langsam so angenehm wie der Singsang von durstigen Mückenschwärmen im Sommer.
Et passte halt vorne und hinten nicht mehr!
Nach einigen Monaten der Immobilienrecherche mit all den Hoffnungen und Enttäuschungen wie man sie auch bei einer privaten Wohnungssuche erlebt, stießen wir auf das ehemalige Soundhaus in der Oskar-Jäger-Strasse zu Köln Ehrenfeld. Auch wenn der bauliche Zustand stark verbesserungswürdig war (Hand aufs Herz, mir fehlte anfangs noch die Fantasie dieses Haus mir als einen unter sanitären, technischen und akustischen Gesichtspunkten funktionierenden Arbeitsraum vorzustellen), so wurde den Entscheidungsträgern schnell klar, welche Möglichkeiten in diesem Gebäude stecken.
Da wäre zum einen die Größe. Endlich können wir allen Ressorts einen eigenen Raum geben und die Proben auf mehrere Räume verteilen, was natürlich die Effektivität ungemein erhöht. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit Proberäume zu vermieten. Aber das interessanteste ist, dass man je nach Bedarf weitere Bereiche zumieten kann.
Die Lage ist einfach perfekt. In einem Gewerbegebiet, das nicht auf der grünen Wiese entstanden ist, liegt das Haus umgeben von verschiedenen Kultur zuarbeitenden Unternehmen in Köln Ehrenfeld. Somit bleiben die Domstädter ihrem heimatlichen Stadtteil weiterhin erhalten. Außerdem ist eine gute logistische Anbindung gewährleistet.
Über das Finanzielle spricht man ja gemeinhin nicht, nur soviel sei gesagt, gemeinsam ist dieses Projekt darstellbar.
Nach eingehender Besichtigung beschloss das Expertengremium den Mietvertrag zu unterschreiben. Jetzt hatte das bekannteste Blasorchester Kölns ein neues Domizil.
Doch was nun ?! Das alte Konzept (Proberaum mit angehängter Küche und Bar) wurde der neuen Situation und deren Möglichkeiten nicht mehr gerecht. Welchen Namen gibt man eigentlich dem Kind? Kann man in dem zukünftigen Namen auch das neue Konzept erkennen?
Zuerst suchten wir die Antworten in der Vergangenheit. Im Mittelalter waren die Musiker, die für das Stadtzeremoniell zuständig waren, in Zünften organisiert. Die Zentrale und der Ausbildungsort der Musiker war das Stadtpfeiferhaus. Diese Tradition hat sich in manchen Teilen Deutschlands bis heute gehalten. Uns gefielen die handwerkliche Ausrichtung, da auch viele Domstädter gelernte Handwerker sind, und der edukative Gesichtspunkt. Wir bilden auch zu großen Teilen unsere Mitglieder aus. Aber hatte Köln eine solche Tradition? Ich meine, alt genug ist ja die Stadt!
Ein Besuch im historischen Stadtarchiv brachte neben vielen aufregenden Dokumenten aus jener Epoche, von denen wir zu gegebener Zeit detailliert berichten werden, folgende Erkenntnis: Es gab zwar dieses Haus in der Spielmannsgasse, aber ab dem 17.Jhd. wurde die musikalische Gestaltung und Ausbildung mehrheitlich von der Kirche, der Universität und Musikern, die direkt dem Rat der Stadt Köln unterstellt waren, übernommen. Schade, aber die lange Zeitspanne, zwischen damals und heute, in der die Tradition nicht weitergeführt wurde, ließ uns an diesem Ansatz zweifeln. Manche Mitglieder äußerten zudem die Befürchtung, dass aus Unkenntnis mancher Mitbürger heraus der Name Stadtpfeiferhaus schnell lächerlich gemacht werden könnte. So einigte man sich auf das Wortkonstrukt: Dommizil, einer schönen Synthese aus dem Kosenamen der Domstädter, Dommis, und dem lateinisch entlehnten Begriff Domizil. In der Erklärung des neuen Namens steckt in meinen Augen auch die Beschreibung der neuen Philosophie. Man achte besonders auf die Silbe "syn...", die laut Duden ein Präfix aus dem Griechischen ist und sinngemäß "mit, zusammen; gemeinsam; gleichzeitig mit; gleichartig" übersetzt wird.
So beschreibt es mit "gemeinsam" einen wichtigen Punkt innerhalb der Gemeinschaft der Domstädter, der zum Beispiel maßgeblich zur gelungenen Renovierung des Hauses beigetragen hat. Synergieeffekte erhoffen wir auch von unseren unmittelbaren Nachbarn, den Werkstätten der städtischen Bühnen und diversen Firmen aus der Filmbranche. Schon jetzt halfen sie uns bei der Gestaltung unseres Hauses. Besonders freuen wir uns auf ein symbiotisches Verbindung zu unseren neuen Untermietern. Damit sind die hervorragenden, professionellen und medial präsenten Musiker gemeint, die hier ihre Proberäume haben und schon jetzt dem Dommizil ein internationales Flair verleihen. Dazu zählen aber auch die vielen Ensembles, Orchester und Musikzüge, die hier proben wollen. Es wird deutlich, dass in diesem Haus Musiken und Musiker aus den unterschiedlichsten Genres aufeinander treffen und sich austauschen können. Wie in einem großen Inkubator helfen und fördern sich die Gruppen zum gegenseitigen Nutzen. Der überwältigende Zuspruch erhärtet die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung für die Stadt Köln.
Zweifelsohne partizipieren die Domstädter von dieser Entwicklung. Die schon oft erwähnte Neugier, der Wille zur Entwicklung bei gleichzeitiger Bewahrung von Tradition sind die Merkmale, die die Arbeit der Domstädter kennzeichnen und diese manifestieren sich jetzt in diesem unserem Dommizil.
Thomas Sieger
